Von The Franc Reporter · Stand 02.11.2026
Wer Bahnaktien im Depot hat, sieht seit Montag, wie teuer ein verspäteter Zug werden kann: Der französische Zughersteller Alstom hat seine Jahresprognose zum zweiten Mal in diesem Jahr gesenkt, und die Aktie fiel in Paris im frühen Handel um rund 30 Prozent.
Laut der Mitteilung von Alstom vom 02.11.2026 rechnet der Konzern für das Geschäftsjahr 2026/27, das Ende März 2027 endet, nur noch mit einer bereinigten EBIT-Marge von rund 1 Prozent. Bisher waren es 6.5 Prozent. Statt eines positiven freien Cashflows erwartet Alstom jetzt einen Abfluss von 1.5 Mrd. Euro. Im ersten Halbjahr lag die Marge bei rund minus 4 Prozent. Die Aktie hat laut Reuters seit Jahresbeginn 54 Prozent verloren, den Montag eingerechnet.
Ein Zug, der nicht fertig wird
Der Grund liegt in Deutschland. Alstom nennt die Plattform Coradia Max, eine Serie von Regionalzügen, die deutsche Bundesländer bestellt haben. Technische Probleme und zusätzliche Tests verlängern die Zulassung. Im ersten Quartal stand die Produktion still. Im Halbjahr baute Alstom 1'860 Wagen, nach 2'017 im Vorjahr. Für das ganze Jahr rechnet der Konzern noch mit rund 4'000 statt 4'400 bis 4'500.
Warum trifft das die Kasse so hart? Bahnhersteller werden in Etappen bezahlt. Ein Teil des Geldes fliesst erst, wenn ein Zug zugelassen ist und fährt. Genau diese Zahlungen verschieben sich laut Alstom in spätere Geschäftsjahre. Gleichzeitig hat der Konzern die erwarteten Margen bis Projektende auf einzelnen Aufträgen gesenkt. Die Nettoverschuldung stieg innert sechs Monaten von 0.4 auf 1.1 Mrd. Euro. Bis September 2027 will Alstom die Schulden um rund 2 Mrd. Euro senken und prüft dafür «organische und anorganische» Optionen. Laut einer von Reuters zitierten Citi-Notiz sprach der Finanzchef von möglichen Verkäufen, ohne Details. Citi schätzt den Abfluss von 1.5 Mrd. Euro auf rund ein Fünftel des Börsenwerts.
Was das mit der Schweiz zu tun hat
Alstom ist hier kein fremder Name. Nach eigenen Angaben beschäftigt der Konzern in der Schweiz 800 Leute an drei Hauptstandorten. Für die SBB hat er den Doppelstockzug Twindexx Express gebaut, den FV-Dosto. Zu den Schweizer Standorten sagt die Mitteilung vom Montag nichts. Alstom überprüft aber Organisation, Betriebsmodell und industrielle Präsenz und will die wichtigsten Entscheide bis Anfang 2027 fällen.
Der Konkurrent aus Bussnang TG kennt das deutsche Problem. Stadler schrieb in der Halbjahresmitteilung vom 26.08.2026, das schwierige Umfeld in Deutschland belaste das Konzernergebnis «weiterhin stark». Im Werk Berlin läuft seit Anfang 2025 ein Effizienzprogramm. Dazu kommen die Folgen der Überschwemmung in Valencia vom Oktober 2024, die laut Stadler bis 2027 spürbar bleiben. Trotzdem stieg die EBIT-Marge im ersten Halbjahr auf 4.0 Prozent. Für 2026 bestätigte Stadler mehr als 5 Prozent.
Alstom und Stadler im Halbjahresvergleich (eigene Rechnung aus den Firmenangaben; Alstom April bis September 2026 in Euro, Stadler Januar bis Juni 2026 in Franken, darum nur Verhältniszahlen) · Umsatz: Alstom 9.3 Mrd. Euro, Stadler 1.97 Mrd. Franken · EBIT-Marge: Alstom rund −4 %, Stadler 4.0 % · Freier Cashflow in % des Umsatzes: Alstom −13.4 %, Stadler −2.8 % · Ziel Marge laufendes Jahr: Alstom rund 1 %, Stadler über 5 %
Unsere Rechnung zeigt den Abstand: Pro 100 Euro Umsatz flossen bei Alstom im Halbjahr rund 13 Euro freier Cashflow ab. Bei Stadler waren es pro 100 Franken Umsatz knapp 3 Franken. Wichtig ist dabei ein Unterschied in der Buchhaltung. Stadler bucht Umsatz erst, wenn ein Fahrzeug ausgeliefert ist, und nennt das selbst eine konservative Rechnungslegung, die Stadler von der Konkurrenz unterscheide. Alstom dagegen korrigiert, wie die Mitteilung zeigt, die erwartete Marge über die ganze Laufzeit eines Projekts.
Unsere Einschätzung: Bei Stadler zeigt sich ein Verzug vor allem als Umsatz, der später kommt. Bei Alstom kann derselbe Verzug auf einen Schlag die Marge ganzer Projekte drücken. Ein Freipass ist das für Stadler nicht. In der Präsentation zum Halbjahr warnt die Firma selbst, der freie Cashflow 2026 könne durch mehr Produktion und mehr angefangene Arbeit belastet werden. Der Auftragsbestand von 33.3 Mrd. Franken entspricht beim erwarteten Jahresumsatz von deutlich über 5 Mrd. Franken rechnerisch rund sechs Jahren Arbeit. Das gibt Sicherheit, bindet aber auch Kapital.
Was als Nächstes zählt
Am 17.11.2026 legt Alstom die vollständigen Halbjahreszahlen vor, mit mehr Details zu Coradia Max und zum Schuldenabbau. Entscheide zur Organisation will der Konzern bis Anfang 2027 treffen, einen Kapitalmarkttag plant er im zweiten Quartal 2027. Stadler veröffentlicht den Jahresabschluss 2026 am 17.03.2027. Dann zeigt sich, ob das Ziel von über 5 Prozent Marge gehalten hat.
Allgemeine Information, keine Anlageberatung.